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Studie "Armut von Kindern und Jugendlichen im Saarland

HIER: Stellungnahme der LIGA Saar im PDF-Format


Stellungnahme zur Studie „Armut von Kindern und Jugendlichen im Saarland"

1. Grundsätzliches

Aus Sicht der Freien Wohlfahrtspflege stellt die Armut von Kindern und Jugendlichen eines der größten Probleme unserer Zeit dar. In einer Welt, in der die gesellschaftlichen Gruppen ihre Interessen massiv verteidigen müssen, können Kinder nicht mithalten.

Die Landesregierung hat mit der Vorlage der Studie „Armut von Kindern und Jugendlichen im Saarland", die im Sinne einer Vertiefungsstudie Aussagen der Sozialstudie Saar „Teilhabe und sozialer Zusammenhalt im Saarland" aufnimmt, über das Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) Köln im Juni 2011 dazu beigetragen, die Situation von armen Kindern und Jugendlichen im Saarland zu beleuchten. Die Studie beschreibt offen und ehrlich die Situation im Saarland, bereitet empirisches Datenmaterial auf, analysiert die Situation von Schülerinnen und Schülern, gibt in Interviews gewonnene Einschätzungen und Positionen von Fachkräften aus dem Feld der sozialen Arbeit wieder, dokumentiert in eigenen Interviews die Situation von Betroffenen und stellt eine Reihe interessanter Handlungsempfehlungen zusammen. Wie schon bei der Sozialstudie wurde die Erarbeitung der Studie „Armut von Kindern und Jugendlichen im Saarland" von einem Beirat begleitet, der sich aus Vertretern der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar, den Kirchen, der Armutskonferenz, dem Landkreistag, der Arbeitskammer und anderen gesellschaftlichen Gruppierungen zusam-mensetzte.

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar ist der Meinung, dass eine Bewertung der Landesregierung zur vorgelegten Studie ebenso notwendig ist, wie die schon längst überfällige Stellungnahme zur Sozialstudie aus dem Jahr 2009.

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar begrüßt ausdrücklich die vorgelegte Studie. Es ist fachlich anzuerkennen und zu begrüßen, dass in der Studie der Sozialraumorientierung eine wesentliche Rolle in der aktuellen Bekämpfung wie im zukünftigen Abbau von Kinder- und Jugendarmut zukommt.

Die im Bericht aus Praxisprojekten übernommenen Hinweise zum Aufbau von Sozial-raumteams und zur Bildung von Präventionsketten hält die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar grundsätzlich für einen sinnvollen Ansatz, der in notwendiger Weise Gestal-tungsvarianten zulässt.

Die Sozialraumorientierung kann somit zum „saarlandweiten Betriebssystem" für Maß-nahmen und Ansätze armutsorientierter Interventionen und armutsfester Politik werden. Dabei müssen die Konditionen, die mit einzelnen sozialraumorientierten Ansätzen und örtlichen Konzepten verbunden sind, immer den jeweiligen lokalen Anforderungen und Bedarfen tatsächlich angepasst werden.

Die Handlungsempfehlungen in der Studie „Armut von Kindern und Jugendlichen im Saarland" bilden in vielen Punkten die Positionen der Wohlfahrtspflege ab. Die sich daraus ergebenden Erkenntnisse sollten dringend für die Weiterentwicklung der Arbeit mit den von Armut betroffenen und bedrohten Kindern und Jugendlichen verwandt werden.

Um an dieser Stelle nicht schon bekannte Positionen der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar zu wiederholen und um die Möglichkeit zu nutzen, auf einzelne Handlungsempfehlungen in der vorliegenden Studie „Armut von Kindern und Jugendlichen" einzugehen, wird auf folgende Positionierungen der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar verwiesen:

• Stellungnahme zur Sozialstudie Saar „Teilhabe und sozialer Zusammenhalt im Saarland" vom März 2010

• „Vorschulische, schulische und außerschulische Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Saarland", Stellungnahme vom Januar 2010

• „Bausteine zur Überwindung von Kinderarmut - In die Qualität von Kitas und Schulen investieren", Stellungnahme vom November 2009

 


2. Sozialpolitische Einschätzung


Das Bundesjugendkuratorium schreibt in einer Stellungnahme vom August 2009 zum Thema „Kinderarmut in Deutschland":

„Auch wenn Kinderarmut ein komplexes Phänomen ist, zu dessen Entstehung und Verfesti-gung unterschiedliche Beziehungsfaktoren beitragen, muss das Ziel der Vermeidung von Kinderarmut ganz oben auf der politischen Agenda platziert werden. Denn durch Armut sind nicht nur fundamentale Rechte der Kinder verletzt, sondern darüber hinaus auch die Teilha-bechancen am gesellschaftlichen Leben sowie die Entwicklungs- und Entfaltungschancen dieser Kinder eingeschränkt. Ein Leben unter Armutsbedingungen verschlechtert die Chan-cen auf eine erfolgreiche schulische Bildungskarriere.

Verminderte Berufs- und Verdienstchancen erhöhen das Risiko einer Vererbung von Armut und sozialer Benachteiligung... . Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes (UN-KRK) von 1989 legt in Artikel 26 fest, dass die Vertragsstaaten - und damit auch Deutschland - alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen haben, um das Recht eines jeden Kindes auf Leistung der sozialen Sicherheit einschließlich der Sozialversicherung zu verwirklichen. In § 27 UN-KRK erkennen die Vertragsstaaten das Recht jedes Kindes auf einen seiner Ent-wicklung angemessenen Lebensstandard an."

Im Saarland sind junge Menschen bis 18 Jahre eher einem Armutsrisiko ausgesetzt als im Rest der Republik. Jede/r Fünfte oder 19,5 % der unter 18-Jährigen hat im Saarland ein Ar-mutsrisiko. Das Saarland ist demnach von dem Problem der Kinderarmut stärker betroffen als Westdeutschland insgesamt. Dies wird mit der vorliegenden Studie nicht nur empirisch belegt, sondern das Problem der Armut von Kindern und Jugendlichen wird von den Fachkräften in der sozialen Arbeit thematisiert und ist Gegenstand der täglichen Sozialarbeit. Kinderarmut ist auch Familienarmut, wobei der mehrdimensionale Armutsbegriff (Lebenslagenansatz) hierbei eine wichtige Rolle spielt.

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar setzt sich für eine wirksame Grundsicherung ein, die das soziokulturelle Existenzminimum von Kindern sicherstellt und gesamtgesellschaftlich finanziert. Ungeachtet der Regelungen über das Bildungs- und Teilhabepaket verbindet die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar mit der Forderung nach einem soziokulturellen Existenzminimum von Kindern,

• dass die Regelsätze ein eigenverantwortliches Wirtschaften auf der Grundlage einer realitätsgerechten Bedarfsermittlung zulassen und

• dass zum anderen bedarfsgerechte Regelsätze Kinder und Jugendliche in die Lage versetzen sollen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Die aktuelle Umsetzung des Urteils des Bundesverfassungsgerichts durch das Bildungs- und Teilhabepaket trägt dem nur unzureichend Rechnung.

Aus Sicht der Freien Wohlfahrtspflege im Saarland kann festgehalten werden:

• Das Saarland ist vom Problem der Kinderarmut stärker betroffen als West-deutschland insgesamt.

• Kinderarmut ist immer verbunden mit Familienarmut, wobei sich Armut nicht nur, aber auch an monetären Rahmenbedingungen orientiert und auswirkt.

• Eine frühe Gegensteuerung muss durch Präventionsketten ermöglicht werden. Eine verspätete Reaktion auf Armut bei Kindern und Jugendlichen als gesell-schaftliche Rahmenbedingungen kann sehr teuer werden.

• Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen sind Investitionen in die Zukunft und notwendig zur Bekämpfung von Kinder- und Jugendarmut. Insbesondere die einkommensbezogene Beitragsfreiheit in den drei Jahrgängen der Kindertageseinrichtungen, eine Lernmittelfreiheit an den Schulen, die Vergabe von kostenfreiem Mittagessen in den Schulen und die Einführung der gebundenen Ganztagsschule als verbindliches Regelangebot stellen aus Sicht der Freien Wohlfahrtspflege wichtige Elemente einer nachhaltigen Zu-kunftsinvestition in Strukturmaßnahmen dar.

• Eine wesentliche Ursache von Armut ist das in der Regel fehlende oder geringe Erwerbseinkommen von Familien wegen Arbeitslosigkeit oder prekären Beschäftigungsverhältnissen.

Deutlich wird in der Studie, dass der notwendige qualitative und quantitative Ausbau der Kin-der- und Jugendhilfe und die Schaffung einer guten sozialen Infrastruktur, die sich an den Gegebenheiten und Bedarfen der jeweiligen Sozialräume orientieren muss, keine Einsparpo-tenziale bieten.

Es ist eher angesagt, einen Aktionsplan der Landesregierung gegen Armut bei Kindern und Jugendlichen zu erstellen, in dem einvernehmlich festgelegt wird, welche Maßnahme federführend von welcher Ebene in welchem Zeitraum verantwortlich umgesetzt werden soll. Unter Einbezug aller Ebenen sollte dargestellt werden, zu welchen Fragen eine Initiative des Landes auf Bundesebene erforderlich ist, auf welche Maßnahmen sich Land, Landkreise und Regionalverband Saarbrücken bzw. die kommunale Ebene verpflichten. Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar erklärt ihre Bereitschaft, über die Mitarbeit ihrer Verbandsvertretungen im Beirat an dem Aktionsplan mitzuarbeiten und wird sich auch an der Umsetzung desselben beteiligen. Darüber hinaus empfiehlt die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar eine Operationalisierung in kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen, um auch in einer sicherlich notwendigen Übergangszeit zum Erreichen der langfristigen Ziele den jetzt konkret Betroffenen eine Perspektive zur Durchbrechung ihrer Armutskarriere zu eröffnen.


Trotz der „Schuldenbremse" sind zusätzliche qualitative, aber auch finanzielle Ressourcen erforderlich, um notwendige Angebote der Kinder- und Jugendhilfe nachhaltig aufbauen zu können. Zusätzliche finanzielle Ressourcen werden insbesondere dringend zum flächende-ckenden Ausbau von Präventionsmaßnahmen benötigt.

Vor dem Hintergrund der sehr unterschiedlichen Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen in den einzelnen Landkreisen und im Regionalverband Saarbrücken und den un-terschiedlichen Rahmenbedingungen und Handlungsbedarfen in den jeweiligen Sozialräumen (Landkreise, Städte, Kommunen, Quartiere) wird die Notwendigkeit einer fachlich fundierten und gut aufeinander abgestimmten Jugendhilfeplanung in den Jugendämtern der Landkreise und Kommunen und des Landesjugendamtes gesehen.

Die Bekämpfung von Kinder- und Jugendarmut und die Erarbeitung und Umsetzung von Handlungsstrategien müssen dabei oberste Priorität haben.

Notwendig ist aus Sicht der Freien Wohlfahrtspflege dafür auch eine ministeriums-übergreifende Zusammenarbeit insbesondere unter Einbeziehung des Bildungsbereiches zur Erstellung eines armutsfesten Masterplans zur Bekämpfung der Armut von Kindern und Ju-gendlichen im Saarland.

 

3. Zu den Handlungsempfehlungen der Studie


Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar begrüßt die in der Studie „Armut von Kindern und Jugendlichen im Saarland" vorgelegten Handlungsempfehlungen, insbesondere den Grund-satz „Prävention statt Intervention". Die vorgeschlagene Präventionskette ist, wenn sie fest verankerter Bestandteil der Infrastruktur wird und die Regelangebote eingebunden sind, nach Einschätzung der LIGA am besten geeignet, nachhaltige Verbesserungen zu erzielen.

Zu den Handlungsempfehlungen im Einzelnen:

a) Prävention im Kleinkindalter:
Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar teilt die Einschätzung, dass der Anfang der Präventionskette gelegt ist, sie aber institutionell verankert weitergeführt werden muss, um nachhaltige Wirkung zu entfalten. Die LIGA unterstützt ausdrücklich die Forderung von Eltern-Bildungsprogrammen mit nicht stigmatisierendem Zugang für alle Eltern.

b) Unterstützung im Kindergartenalter:
Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar begrüßt die im Bericht dargelegte Schlüsselrolle der Kindergärten/Kindertageseinrichtungen.
Dabei wird die Empfehlung des einkommensabhängigen Verzichts auf den Elternbeitrag im dritten Kindergartenjahr nicht nur begrüßt - er müsste aus Sicht der Freien Wohlfahrtspflege auf alle Kindergartenjahre ausgedehnt werden. Kindergär-ten/Kindertageseinrichtungen bieten die einzigartige Möglichkeit, durch die Bring- und Holsituation tatsächlich alle Eltern zu erreichen, was nachweislich keiner nachgeordneten Bildungseinrichtung mehr gelingen kann. Bisherige Komm-Strukturen wie z. B. Elternkurse, Beratung der Jugendliche und Gesundheitsdienste ließen sich hier, insti-tutionell eingebunden und verankert, bedarfsgerecht gestalten und könnten zu einem frühen Zeitpunkt Wirkung entfalten. Kindergärten/Kindertageseinrichtungen könnte damit eine zentrale Funktion in einer aufzubauenden Präventionskette zukommen. Dies würde auch der in der Studie aufgestellten Forderung der Fachkräfte der sozialen Arbeit nach der Stärkung der Elternkompetenz zum richtigen Zeitpunkt Rechnung tragen.

c) Verbesserung der Rahmenbedingungen im Schulalter:
Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar unterstützt die Forderung nach der Ganz-tagsschule als verbindliches Regelangebot, übergangsweise zumindest jedoch die Aus-weitung der gebundenen Form der FGTS. Prioritäten bei Standortentscheidungen sollten sich an den in der Studie herausgearbeiteten und noch kleinräumiger zu identifizierenden regionalen Schwerpunktgebieten orientieren. Dabei spielen die Standorte im Regionalverbund Saarbrücken und im Landkreis Neunkirchen aufgrund der Betroffenheit von Armut von Kindern und Jugendlichen eine besondere Rolle. Das vorhandene Angebot der Freiwilligen Ganztagsschulen muss qualitativ so ausgestaltet werden, dass die aktive Förderung in allen Entwicklungsbereichen möglich ist.

d) Flankierende Schulsozialarbeit:
Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar unterstützt ausdrücklich die Empfehlung, die Schulsozialarbeit personell und qualitativ auszubauen, um die Sozialarbeit stärker in den Schulalltag zu integrieren und zu einer echten Bildungspartnerschaft zwischen Schule und Jugendhilfe zu kommen. Insbesondere an den zu lokalisierenden Schwerpunktgebieten von Kindern in belasteten Lebenssituationen ist eine regelmäßige und verlässliche Präsens vor Ort erforderlich, um einen tragfähigen Beziehungsaufbau sowohl mit den Schülerinnen und Schülern und deren Eltern als auch eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den Lehrkräften zu ermöglichen. Das Schoolworker-Programm muss auf diesem Hintergrund in den genannten Schwerpunktgebieten in allen Schulformen zu einem Programm „echter", am Standort verankerter Schulsozialarbeit ausgebaut werden.

e) Übergang Schule/Ausbildung:
Ausgehend von der These, dass durch eine gute Bildung der nachwachsenden Ge-neration die Armutsvererbung durchbrochen werden kann, kommt dem Übergang von der Schule in den Beruf eine besondere Bedeutung zu.
Die Thematik „Berufswegeplanung" muss daher aus Sicht der LIGA frühzeitig schon ab der 8. Klasse in den schulischen Alltag integriert werden. Die bisherigen befristeten projektbezogenen Insellösungen im Rahmen des sog. „Übergangsmanagements" stehen zum größten Teil unkoordiniert nebeneinander. Notwendig ist stattdessen die Entwicklung und Umsetzung eines entsprechenden Curriculums das schultypbezogen saarlandweit und auf Dauer umgesetzt wird.
Unter Einbeziehung der Eltern und in Kooperation mit den zuständigen Behörden, z.B. der Arbeitsverwaltung, der Kammern und weiterer Kooperationspartner gilt es, im Rahmen von Übergangsmanagement auch einzelfallbezogen zu fördern und zu unterstützen.
Ein besonderes Augenmerk ist dabei auf Schüler mit speziellem Unterstützungsbedarf z. B. Kinder / Jugendliche mit Migrationshintergrund zu legen.

f) Arbeitslosigkeit bekämpfen:
Die Forderung, dass Maßnahmen zu ergreifen sind, die eine Beschäftigung mit aus-reichender (armutsfester) Entlohnung ermöglichen, um die Armut von Kindern und Jugendlichen zu bekämpfen, wird von der LIGA nachhaltig unterstützt.
Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar sieht die Verantwortung für die Schaffung von Arbeitsplätzen primär bei der Wirtschaft. Diese muss durch eine gute, landesweite und regionale Arbeitsmarktpolitik gefördert werden. Notwendig sind mehr reguläre, sozialversicherungspflichtige Vollerwerbsarbeitsplätze statt Minijobs, Leiharbeitsplätze und Niedriglohnverhältnisse. Angesichts der hohen Zahl der Langzeitarbeitslosen im Saarland und angesichts der vielen Menschen, die mit ihrem Qualifikationsniveau und mit ihrer Le-bensbiografie keine echte Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben, ist es aus Sicht der LIGA unumgänglich, einen öffentlich geförderten sog. zweiten Arbeitsmarkt (so-zialer Arbeitsmarkt / Integrationsarbeitsmarkt) zu gestalten.
Die aktuelle Möglichkeit der so genannten Bürgerarbeitsplätze stellt nur einen unzu-reichenden Einstieg dar. Angesichts eines Anteils der Langzeitarbeitslosen mit 32 % an allen Arbeitslosen, gefährdet die derzeit diskutierte „Instrumentenreform" die Eingliede-rungsbemühungen in den Arbeitsmarkt und macht die Langzeitarbeitslosen zu Opfern staatlicher Einsparbemühungen.

g) Soziale Teilhabe fördern:
Zur Bekämpfung von Kinderarmut und sozialer Ausgrenzung setzt sich die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar für einen Ausbau und die Sicherung der vorhandenen Infrastruktur ein. Bildungsangebote wie Nachhilfeunterricht, Sport und Musik, Mittagessen sowie Freizeitgestaltung sollten kostenfrei für alle Kinder in vorhandenen Einrichtungen wie Kitas, Ganztagsschulen und Jugendhilfeeinrichtungen angeboten werden. Dies käme allen Kindern zugute - unabhängig vom Sozialleistungsbezug.

h) Offene Jugendarbeit intensivieren:
Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege unterstützt die Forderung, die offene Jugendarbeit weiter zu intensivieren.
Die Fachkräftebefragung im Rahmen der Studie zeigt u. a. auf:
Der Anteil von Kinder- und Jugendlichen, die von Armut betroffen sind, ist bei Besuchern von Jugendzentren sehr hoch - z.B. bei den 16- bis 18-Jährigen etwas über 30 Prozent. Gleichzeitig gibt es Anhaltspunkte dafür, dass von Armut betroffene Kinder und Jugendliche, z.B. in Sport- und Musikvereinen, unterrepräsentiert sind.

Dazu ist erforderlich, dass:
- notwendige Ressourcen auch für die Kooperation und Vernetzung mit anderen Trägern der Kinder- und Jugendarbeit zur Verfügung stehen, um dem hohen Anteil von armutsbetroffenen Kindern und Jugendlichen (und von Kindern und Ju-gendlichen mit Migrationshintergrund) gerecht zu werden,
- den Vereinen als Träger der Kinder- und Jugendarbeit verstärkt Angebote von Schulungen und Unterstützung gemacht werden, um die konzeptionelle Wei-terentwicklung der Arbeit - bis hin zur qualifizierten Einbindung des Ehrenamtes - zu fördern,
- es zu einer verstärkten Vernetzung der offenen Kinder- und Jugendarbeit in ihrer Binnenstruktur mit der institutionalisierten Kinder- und Jugendhilfe (öffentliche und freie Träger) kommt und
- die Intensivierung der offenen Kinder- und Jugendarbeit nicht zu Lasten anderer Hilfs- und Unterstützungssysteme erfolgt.

i) Präventive Projekte gezielt fördern:
In der Studie „Armut von Kindern und Jugendlichen" wird die Arbeit der beiden evaluierten Präventionsprojekte gegen Kinderarmut „Projekt gegen die Auswirkungen von Kinderarmut in Alt-Saarbrücken" (DPWV) und „Projekt gegen die Auswirkungen von Kinderarmut im Unteren Malstatt" (DW SAAR) dargestellt, die bisher guten Erfolge dokumentiert und auf die Notwendigkeit einer Übertragbarkeit in andere Regionen des Saarlandes hingewiesen. Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar befürwortet diesen Ansatz und empfiehlt, zusätzliche Projekte im Bereich Prävention gegen Kinderarmut wohnortnah vor allem in dem besonders belasteten Landkreis Neunkirchen und dem Regionalverband Saarbrücken anzusiedeln und über eine gezielte Modellförderung hinaus in eine Regelförderung einzubetten. Wie schon in verschiedenen Beiratssitzungen angemerkt, deuten die regionale Armutsverteilung und die Ergebnisse der Studie allerdings darauf hin, dass die genannten Projekte nicht nur in andere Regionen ausgeweitet werden müssen, sondern auch im Regionalverband Saarbrücken selbst weitere Projekte sinnvoll anzusiedeln sind. So notwendig es ist, Modellförderung insbesondere im Bereich der Prävention auszuweiten und bestehende Strukturen mit einzubinden, sollte aber auch beachtet werden, bestehende Strukturen, die sich nachweislich bewährt haben, zu stärken, zu erhalten und weiter zu entwickeln.

j) Teilhabe- und Bildungspaket:
Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege unterstützt die Position in der Studie „Armut von Kindern und Jugendlichen im Saarland", dass die im Rahmen des Teilhabe- und Bildungspaketes möglichen Fördermaßnahmen nicht dazu führen dürfen, dass die bisher für diese Bereiche zur Verfügung gestellten Mittel eingespart werden. Die derzeit laufen-den gesetzlichen Bestrebungen, das Schülerförderungsgesetz zu ändern, geben Anlass zur Sorge. Hier werden auf Kosten des Bildungs- und Teilhabepaketes Gelder des Landes eingespart, statt zusätzlich zu investieren.
Inwieweit das Teilhabe- und Bildungspaket entsprechende Wirkung zeigt und soziale Teilhabe auch Kindern und Jugendlichen in belasteten Lebenssituationen ermöglicht wird, sollte aus Sicht der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in einer Begleitstudie zum Teilhabe- und Bildungspaket beleuchtet werden.

k) Unterstützung der Fachkräfte und der Ehrenamtlichen im Kinder- und Jugendbereich:
Die in diesem Kapitel durch das ISG getätigten Aussagen bezüglich Informationsstand der Fachkräfte, Unterstützung der Fachkräfte, Fortbildungen für Fachkräfte zum Thema Armut von Kindern und Jugendlichen sowie Eingliederung der Thematik in die Ausbildung der Fachkräfte im sozialen Bereich wird aus Sicht der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar unterstützt. Die Nutzung vorhandener, auch ehrenamtlicher Ressourcen sollte nicht für ein Einsparpotenzial genutzt werden, sondern in allererster Linie in ihrer Wirksamkeit an dem Ziel der Armutsbekämpfung bei Kindern und Jugendlichen und einer Verbesserung ihrer Lebenswelt gemessen werden.

 

 


Saarbrücken, 21. September 2011

 


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