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Bausteine zur Überwindung von Kinderarmut – In die Qualität von Kitas und Schulen investieren!

HIER: Stellungnahme der LIGA Saar im PDF-Format

Positionierung der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar fordert die neue saarländische Landesregierung auf, der wachsenden Kinderarmut im Land wirksam zu begegnen und alle anstehenden Entscheidungen in allen Politikfeldern grundsätzlich unter den Vorbehalt zu stellen, dass sie zur Verwirklichung dieses Ziels beitragen bzw. diesem nicht zuwiderhandeln.


Situation im Saarland

Nach Auskunft der Landesregierung im Mai 2008 erhielten 22.975 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren in 2006 Leistungen nach dem ALG II; dies ist jedes 6. Kind. Unter Beachtung derjenigen Familien, die mit einem sehr geringen Einkommen knapp über der Anspruchsgrenze liegen, kann nach vorsichtiger Schätzung davon ausgegangen werden, dass jedes 5. saarländische Kind unter Armutsbedingungen aufwächst. Es handelt sich dabei um ein statistisches Mittel im Land; in städtischen Verdichtungsräumen ist der Anteil der betroffenen Kinder wesentlich höher. Besonders betroffen sind hier wie anderswo Familien, die arbeitslos sind, Alleinerziehende, die zumeist nur einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen können, kinderreiche Familien mit mehr als 3 Kindern und Familien mit Zuwanderungsgeschichte.
Die Verbände der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar sind mit Haupt- und Ehrenamtlichen in vielen Initiativen und Projekten aktiv, um soziale Nöte zu lindern und auszugleichen. Es geht jedoch nicht um die Verteilung von Almosen, sondern um gerechte Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen an wirtschaftlichen Entwicklungsprozessen.


Folgen für die Kinder

Nach einer wissenschaftlich anerkannten Langzeitstudie, die das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) in Frankfurt seit 1997 bis heute durchführte, ist Armut der größte Risikofaktor für die kindliche Entwicklung. Bereits im Grundschulalter sind Einschränkungen und Auffälligkeiten in vier wesentlichen Bereichen nachweisbar:

• eingeschränkte Grundversorgung und Wohlergehen
• deutlich geringere Bildungschancen
• schlechtere gesundheitliche Konstitution
• häufige soziale Ausgrenzung

Es ist nachweisbar, dass die Folgen für die Kinder umso gravierender sind,

• je länger Armut andauert, z.B. durch Langzeitarbeitslosigkeit
• je weniger Eltern dies durch erhöhte Zuwendung und gemeinsame Aktivitäten kompensieren können
• je weniger Unterstützung die Kinder bei ihrem Bewältigungshandeln erfahren.


Das Risiko, dass Kinder aus armen Familien nur wenige qualifizierte Schulabschlüsse erreichen können, und damit in Arbeitslosigkeit und in Armut nachwachsen, ist sehr hoch. Bereits jetzt bleiben 15 % der Jugendlichen nach der Pflichtschulzeit ohne Ausbildung, bei Kindern mit Migrationshintergrund sind es sogar 40%. Diese Entwicklung ist Zündstoff für unsere Gesellschaft.


Folgen für die Gesellschaft

Die Wohlfahrtsverbände beobachten mit Sorge, dass immer weniger Eltern mit Zuversicht auf die Zukunftschancen ihrer Kinder blicken können. Familien mit Kindern fühlen sich in unserer Gesellschaft zunehmend weniger willkommen und unterstützt. Die vermeintliche Vielzahl familienbezogener Leistungen darf dabei nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese als unübersichtlich und sozial ungerecht empfunden werden.

Während auf der einen Seite ein Fachkräftemangel absehbar ist, wachsen auf der anderen Seite Kinder und Jugendliche, die ohne oder mit gering qualifizierten Abschlüssen die Schule verlassen, in absehbare Armutskarrieren nach. Diese Entwicklung wird unsere Gesellschaft teuer zu stehen kommen:

• Die Einnahmen in Sozialversicherung und Rentenkassen werden vermindert.
• Unser Sozialsystem wird durch Alimentierung der Arbeitslosigkeit weiter belastet.
• Unser Gesundheitssystem wird die beschriebenen Langzeitfolgen, die jetzt schon bei den Kindern sichtbar sind, tragen müssen.
• Unsere Gesellschaft verliert den Zusammenhalt, wenn die Schere zwischen arm und reich weiter auseinandergeht.

Bereits jetzt ist die Tendenz zu beobachten, dass Eltern, die die Möglichkeit haben, Standorte meiden, an denen viele sozial benachteiligte Kinder oder Kinder mit Migrationshintergrund zu erwarten sind.


Bisherige Anstrengungen zur Förderung der Bildungschancen und gesellschaftlichen Teilhabe

Bildung ist ein wichtiger Schlüssel zur Bekämpfung der Folgen von Armut und ermöglicht damit ein erfülltes Leben und soziale Teilhabe. Investitionen in Bildung sichern die Zukunftsfähigkeit eines Landes und fördern die Integration und das gesellschaftliche Engagement. Die Wohlfahrtsverbände honorieren die bisherigen Anstrengungen der Landesregierung zum quantitativen und qualitativen Ausbau im Bereich der Kindertageseinrichtungen.

Das im Jahr 2006 veröffentlichte Saarländische Bildungsprogramm für Kindertages-einrichtungen (SBP) und die dazugehörigen Handreichungen betonen die gemeinsame Verantwortung von Land, Trägern, Erzieherinnen/Erzieher und Eltern für das frühe Lernen und die gesellschaftliche Teilhabe. Darüber hinaus hat das Land Multiplikatorinnen und Evaluatorinnen für das SBP qualifiziert und Implementierungsmittel für die Umsetzung und Begleitung in den Einrichtungen bereitgestellt. Die LIGA Saar fordert die saarländische Landesregierung auf, diese Mittel auch in Zukunft zur Verfügung zu stellen.


In 2008 hat das Land außerdem vier Kindertageseinrichtungen zu Konsultationskitas für das SBP ernannt und unterstützt diese finanziell und ideell. Eine der Konsultationskitas beschäftigt sich bis zum Jahr 2011 mit dem Schwerpunkt „Bildungsgerechtigkeit". Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus diesem Modellprojekt sollten auf jeden Fall in die Entwicklung von nachhaltigen Strategien zur Förderung der Bildungschancen einfließen.

Eine Schlüsselkompetenz zur gesellschaftlichen Teilhabe ist die Sprachkompetenz. Dieser Tatsache trägt das SBP mit einem eigenen Bildungsbereich Rechnung. Im Mittelpunkt stehen dabei die Beobachtung der Sprachkompetenz der Kinder durch die Fachkräfte und -darauf aufbauend- die Schaffung von Sprechgelegenheiten in alltäglichen Lebens- und Lernsituationen. Die Funktion der Erzieherinnen und Erzieher als Sprachvorbilder wird ebenfalls herausgestellt.

Eine weitere wichtige Säule der frühkindlichen Sprachförderung sind die verschiedenen Sprachförderprogramme. Diese sollten aufeinander abgestimmt werden und strukturell und personal so ausgestattet werden, dass sie wirksam werden können.

Der Ausbau von Plätzen für Kinder unter 3 Jahren ist auf der Grundlage von TAG und KiföG auch im Saarland massiv vorangetrieben worden. Laut Ländermonitor „Frühkindliche Bildungssysteme" der Bertelsmann-Stiftung, müssen allerdings bis 2013 noch ca. 4500 Plätze geschaffen werden, um die vom KiföG vorgesehene Versorgungsquote von 35 % zu erreichen.

Neben dem quantitativen Ausbau von Betreuungsplätzen für Kinder unter 3 Jahren muss es zukünftig verstärkt Bemühungen für den qualitativen Ausbau geben. Dies betrifft vor allem die Bemühungen für mehr Bildungsqualität für Kinder und Familien, die am stärksten von (Bildungs-)Armut betroffen sind.

Es bleibt zu hoffen, dass die neu geschaffenen Plätze insbesondere von solchen Kindern genutzt werden, die am stärksten von diesem Angebot profitieren würden. Das gilt auch für die Tagespflegeplätze, die im neuen SKBBG (Saarländisches Kinder-, Bildungs- und Betreuungsgesetz) durch qualitative Standards aufgewertet und den Kindertages-einrichtungen gleichgestellt wurden.

Die LIGA Saar begrüßt ebenfalls, dass im Schülerförderungsgesetz Rahmenbedingungen für die Schulbuchausleihe getroffen wurden, die zu finanziellen Entlastungen für Familien führen, auch wenn noch keine völlige Lernmittelfreiheit hergestellt wurde.

 

Kinderarmut überwinden - die gemeinsame Aufgabe

In einer Welt, in der die gesellschaftlichen Gruppen mit Vehemenz ihre Interessen verteidigen, können Kinder nicht mithalten. Die Überwindung der Kinderarmut erfordert eine gemeinsame Anstrengung über die Zuständigkeitsgrenzen von Bund, Land, Kreisen und Regionalverband Saarbrücken, Städten und Gemeinden hinweg. Die Zukunftschancen für Kinder müssen bei allen politischen Entscheidungen höchste Priorität erhalten. Der Landesregierung kommt hierbei eine Schlüsselstellung zu.

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar fordert die saarländische Landesregierung auf,

• der Schaffung von Arbeitsplätzen höchste Priorität einzuräumen, wobei diese existenzsichernd sein müssen
• den sogenannten „3. Arbeitsmarkt" für diejenigen zu fördern, die am hochqualifizierten und -spezialisierten Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben
• sich im Bundesrat mit aller Kraft für ein gerechteres Steuersystem für Familien sowie für einen angemessenen Regelsatz für Kinder einzusetzen
• den Bildungschancen aller Kinder als Investition in die Zukunft höchste Priorität einzuräumen. Zur besonderen Situation von Kindern mit Migrationshintergrund wird die LIGA Saar ein eigenes Positionspapier vorlegen.


Bildungschancen sichern - in die Qualität der Kindertageseinrichtungen investieren

Die Wohlfahrtsverbände fordern, dass die Landesregierung auch weiterhin in die nachhaltige Sicherung und Entwicklung der Bildungsqualität investiert.

Dazu gehört aus unserer Sicht, dass die im Kontext des demographischen Rückgangs freiwerdenden Mittel im Bildungsbereich verbleiben. Einer soliden Regelförderung der Einrichtungen (statt unzähligen Sonderprogrammen) ist auf jeden Fall Vorrang einzuräumen. (Dem Ministerium für Bildung, Familie, Frauen und Kultur kommt dabei eine wichtige Sondierungs- und „Filter"-funktion zu.)

Die demographische Rendite sollte, ähnlich wie in anderen europäischen Ländern, dazu genutzt werden, kleinere Gruppengrößen mit günstigeren Erzieher-Kind-Relationen zu schaffen. Von dieser Maßnahme würden gerade solche Kinder profitieren, die aufgrund unterschiedlicher Faktoren geringere Bildungschancen haben. Kindertageseinrichtungen in sozialen Brennpunkten sollten zusätzlich stärker personalisiert werden. Ihnen kommt als lebendiger Ort im Sozialraum eine wichtige Funktion zu. Hier bietet sich vor allem auch die Möglichkeit, Eltern (bei geringerer Hemmschwelle) gemeinsam mit anderen Institutionen und Fachdiensten in ihrer Erziehungskompetenz zu stützen und zu stärken. Diese Arbeit im Sozialraum und die Netzwerkarbeit braucht allerdings zusätzliche Ressourcen und kann nicht alleine durch das bestehende Personal abgedeckt werden.

Die Aus- und Weiterbildung der pädagogischen Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen muss nach Auffassung der Wohlfahrtsverbände weiter verbessert werden. Dabei sind vor allem die Themenfelder „Sprachförderung" und „interkulturelle Erziehung" zu berücksichtigen. Die Wohlfahrtsverbände fordern die Landesregierung außerdem dazu auf, die Zusammenarbeit der Lehrkräfte mit den Kindertageseinrichtungen vor und beim Übergang von dem einen in das andere Bildungssystem verbindlicher zu machen.

Die Potentiale von Menschen mit Migrationshintergrund (Zwei- und Mehrsprachigkeit, Interkulturelle Kompetenz etc.) sollten ebenfalls stärker genutzt werden. So ist die sogenannte Interkulturelle Öffnung aus Sicht der Wohlfahrtsverbände ein wichtiger Baustein zur Integration und zur Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit.

Im Kontext der Frage nach der Übernahme von Elternbeiträgen fordern die Wohlfahrtsverbände, dass die Jugendämter die Kostenübernahme für Ganztags-, Krippen- und Hortplätze nicht an die Erwerbstätigkeit der Eltern bzw. die aktive Arbeitssuche knüpfen, da gerade Kinder arbeitsloser Eltern besonderen Risiken ausgesetzt sind und deshalb besondere Unterstützung und Förderung benötigen.

Die Kostenübernahme für Ganztags-, Krippen- und Hortplätze darf nicht an die Erwerbstätigkeit der Eltern bzw. die aktive Arbeitssuche geknüpft werden, da gerade Kinder arbeitsloser Eltern besonderen Risiken ausgesetzt sind und deshalb besondere Unterstützung und Förderung benötigen.


Bildungschancen sichern - in die Qualität der Schulen investieren

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar betrachtet mit Sorge, dass die Diskussion um Bildungschancen seit Jahren eher von ideologischen Grundhaltungen getragen scheint als von einer wissenschaftlich gestützten Anwendung der Ergebnisse der Lernpsychologie und Erziehungswissenschaft. Aus diesem Grund sehen wir als wichtigste Grundvoraussetzung jeder politischen Ausgestaltung, dass ein Grundkonsens darüber hergestellt wird, dass wir (um es mit dem finnischen Ministerpräsidenten anlässlich der Pisa- Studie zu sagen) „zu klein sind, um auf jemanden verzichten zu können".

Der Grundkonsens, dass schulische Bildung Potentiale wecken und fördern soll, und nicht in erster Linie der Negativauslese dienen soll, könnte die Grundlage einer sachbezogenen Diskussion legen.

Wir fordern die saarländische Landesregierung auf

• Schulen als Stätten individuellen Lernens zu verstehen, die allen Kindern bestmögliche Förderung und Entwicklung zukommen lassen, den Starken wie den Schwachen. Es muss ein Qualitätsmerkmal von Schulen sein, dass Kinder grundsätzlich das Lernziel ohne bezahlte Nachhilfe erreichen können.
• Schulen als Stätten gemeinschaftlichen Lernens zu verstehen und allzu frühzeitige Trennung und Selektion zu vermeiden. Starke und schwächere Kinder profitieren davon, wenn sie gemeinsam lernen. Die gemeinsame Schulzeit sollte mindestens bis zum 6. Schuljahr gehen.
• Schulen als Stätten im Gemeinwesen zu begreifen, die mehr sind als Unterricht plus Freizeitgestaltung
 pädagogisch sinnvolle Tagesgliederung in Lern- und Bewegungsphasen, Projektarbeit und musische, sportliche und soziale Betätigung
 Öffnung für Vereine und Verbände, Schule als lebendiger Ort im Stadtteil
 wirkliche individuelle Förderung durch Zusammenarbeit von Lehrkörper und Schulsozialarbeit auf Augenhöhe
 gemeinsames kostenloses und gesundes Mittagessen und ausreichend Getränke bereitzustellen
 Bewegung für alle Kinder, auch zur Gesundheitsförderung und -prävention
• die Zahl echter Ganztagsschulen nach diesem Modell in einem zügigen und verbindlichen Ausbauplan wirksam zu erhöhen
• umfassende Lernmittelfreiheit zu verwirklichen
• zur Zukunftssicherung unseres Landes möglichst vielen jungen Menschen die universitäre Ausbildung zu ermöglichen und diese kostenfrei zu stellen.

 

Gesellschaftliche Teilhabe verwirklichen

Sind Kitas und Schulen als Lern- und Lebensorte im Stadtteil und in der Gemeinde verankert und entsprechend ausgebaut, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Teilhabe aller Kinder getan. Davon profitieren nicht nur die benachteiligten Kinder, da die Unterstützung Schwächerer und das Erlernen von Rücksichtnahme und Respekt zu unseren höchsten Kulturgütern zählt.

Angesichts dieser Bedeutung der Regeleinrichtungen für ein gedeihliches Aufwachsen von Kindern fordert die LIGA Saar:

• Kitas und Schulen als zentrale Orte der Integration zu verstehen, sowohl was die soziale Herkunft als auch die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund betrifft
• die Personalisierung von Angeboten in den Ferienzeiten in und um die Regel-einrichtungen
• die Beitragsfreiheit für alle Regel- und Ganztagsangebote bzw. Übernahme der Elternbeiträge ohne Aufnahmekriterien
• Regelsätze, mit denen Teilhabe ermöglicht wird, ersatzweise Sozialpässe für den öffentlichen Nahverkehr und Beiträge zu Vereinen
•Unterstützung von Eltern in ihrer erzieherischen Verantwortung.

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar fordert alle politischen Entscheidungsträger zum Handeln auf. Es muss einen gemeinsamen Grundkonsens geben, dass wir auf kein Kind verzichten wollen und können und dass jedes Kind eine Chance auf eine auskömmliche Zukunft in unserem Land haben muss.

Diese Grundhaltung muss allen politischen Entscheidungen, in welchem Politikfeld und auf welcher Ebene auch immer, zugrunde liegen.

 

 

 

 

 


Saarbrücken, im November 2009

 


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