Aktuelles

Vorschulische, schulische und außerschulische Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Saarland

HIER: Stellungnahme der LIGA Saar im PDF-Format

Positionierung der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar

Integrationshilfen müssen flächendeckend ausgebaut werden!

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar begrüßt die Einführung der Schulpflicht auch für Kinder von Flüchtlingen im Saarland!
Das Saarland hat als eines der letzten Bundesländer zum Schuljahr 2008/2009 eine uneingeschränkte Schulpflicht für alle ausländischen Kinder und Jugendliche durch Änderung des Schulpflichtgesetzes eingeführt. Schon im Gesetzgebungsverfahren wurde die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar um eine Stellungnahme gebeten. Sie hat sich für das Grundrecht der Kinder und Jugendlichen auf Bildung eingesetzt, unabhängig von ihrem ausländer- und aufenthaltsrechtlichen Status.
Mit der Einführung der Schulpflicht ist es aber alleine nicht getan. Nun sollten auch die notwendigen Förderinstrumente und -maßnahmen für die Kinder und Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund geschaffen werden, die auch einheimischen Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten und bildungsfernen Familien offen stehen sollten. Die einschlägigen saarländischen Erlasse und Rundschreiben zur Beschulung der Kinder und Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund sollten überarbeitet und den veränderten Anforderungen angepasst werden.
Die PISA-Studien und zuletzt das Bildungsmonitoring 2008 haben inzwischen mehrfach verdeutlicht, dass der Erfolg in unserem Bildungssystem von der Herkunft und dem familiären Bildungshintergrund abhängt. Insbesondere Kinder und Jugendliche mit einem Migrationshintergrund werden in unserem Bildungssystem benachteiligt.
Die im Januar 2009 veröffentlichte Studie „Ungenutzte Potenziale - Zur Lage der Integration in Deutschland" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hat diese Bildungsbenachteiligung erneut deutlich gemacht. 13 Prozent aller in Deutschland lebenden Menschen mit einem Migrationshintergrund im Alter von 20 bis 64 Jahren haben weder eine Schul- noch eine Berufsausbildung abgeschlossen. Im Vergleich zu den Einheimischen entspricht dies dem 10-fachen Wert. Das Saarland ist Schlusslicht bei dieser Untersuchung und erreicht die schlechtesten Integrationswerte. 45 Prozent der hier lebenden Menschen mit einem türkischen Migrationshintergrund sind ohne jeden Bildungsabschluss.
Der IW-Integrationsmonitor vom Februar 2009 des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln bescheinigt dem Saarland im Vergleich zu anderen Bundesländern im Bereich der Bildung einen Spitzenplatz. Dennoch ist nach dieser Untersuchung die Ausländerintegration „durch die Bank unzureichend". Im Saarland verlassen 16,1 % der ausländischen Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Abschluss. Bei den einheimischen Schulabgängern sind es 7,1 %. Mit 53,6 % werden nur etwas mehr als die Hälfte der Drei- bis Fünfjährigen in vorschulischen Einrichtungen betreut, wohingegen die Quote der einheimischen Kinder bei nahezu 100 % liegt.
Angesichts dieser erschreckenden Ergebnisse und der Tatsache, dass fast 20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund haben und diese inzwischen ein Drittel aller hier geborenen Kinder bekommen, ist ein dringender Handlungsbedarf gegeben. Wir können es uns im Saarland alleine schon aus ökonomischen und demografischen Gründen nicht mehr länger erlauben, Bildungspotenziale ungenutzt zu lassen. Wir benötigen daher ein umfassendes und flächendeckendes Integrationskonzept, das für alle Bildungseinrichtungen verbindlich sein sollte, die Fachdienste für Migration und Integration einbindet und eine Vernetzung mit allen integrationsrelevanten Organisationen und Einrichtungen vorsieht.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in Reaktion auf die oben genannte Studie des Berlin-Instituts festgestellt: „Deutschland kann das Potenzial, was in den Zuwanderern liegt, auf gar keinen Fall brach liegen lassen." Es sei in aller Interesse, das Potenzial besser zu wecken, als es bislang gelungen ist. Besonders Kindern mit Migrationshintergrund müssten „alle Chancen gegeben werden".... „Es ist unsere Aufgabe, zusammen mit den Eltern die Talente zu entwickeln und zu entfalten, und das geht im Wesentlichen über Ausbildung und Bildung."
Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Saar hat sich in Kooperation mit der Arbeitskammer des Saarlandes schon im vergangenen Jahr bei der Fachtagung „ Gaby und Peter können es, Ayse und Vladimir auch! Bildung und Ausbildung junger Migranten/innen im Saarland - Herausforderungen und Handlungsansätze" mit der Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund beschäftigt und einen Ausbau entsprechender Fördermaßnahmen gefordert. Ohne umfassende begleitende Integrationshilfen scheitern diese Kinder häufig, verlassen die Schulen ohne Abschluss, finden keinen Ausbildungsplatz und können ihr vorhandenes Potenzial nicht nutzen.
Gute Sprachkenntnisse und der Erwerb von Schulabschlüssen sind Voraussetzung für eine berufliche Ausbildung und somit Schlüssel für eine erfolgreiche Integration. Die Bemühungen für die in Schule und Ausbildung befindlichen Kinder und Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund sollten daher deutlich verstärkt und flächendeckend ausgeweitet werden.

Vorschulische Kindertageseinrichtungen haben eine Schlüsselrolle im Integrationsgeschehen!

Kindertageseinrichtungen sind meist die ersten Orte, an denen Kinder mit Migrationshintergrund mit der deutschen Sprache und Kultur konfrontiert werden. Die sich dabei bietenden Chancen zu einer frühen Integrationsförderung müssen systematisch genutzt werden.
Es darf nicht dem Zufall oder dem Engagement der Eltern überlassen werden, ob die Kinder mit einem Migrationshintergrund eine vorschulische Einrichtung besuchen oder nicht. Den Eltern sollte die wichtige Bedeutung einer früh einsetzenden Förderung aufgezeigt und verdeutlicht werden, dass sich die Bildungschancen ihrer Kinder durch den Besuch einer Kindertageseinrichtung wesentlich verbessern. Dies bedeutet, dass die Begleitung und Beratung der Eltern mit dem Ziel, dass möglichst alle Kinder, insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund, eine Kindertageseinrichtung besuchen, intensiviert werden müssen.
Erfahrungen in der Landesaufnahmestelle zeigen, dass die Eltern ihre Kinder fast ausnahmslos zur Kindertagesstätte der Caritas bringen, wenn sie unmittelbar nach der Ankunft gezielt über das Förderangebot informiert werden. Sie werden über die Einrichtung, die pädagogische Ausrichtung und die Fördermöglichkeiten informiert. Daneben wird ihnen verdeutlicht, dass die Kindertagesstätte kostenlos besucht werden kann, da die Elternbeiträge bei Bedürftigkeit von der Jugendhilfe übernommen werden. In den saarländischen Gemeinden müsste ähnlich vorgegangen werden, darüber hinaus werden die Kosten im 3. Kindergartenjahr vonseiten des Landes getragen.
Die Förderung von Kindern mit Sprachdefiziten in der deutschen Sprache sollte als fester Bestandteil des Saarländischen Bildungsprogramms für die Kindertageseinrichtungen verbindlich verankert werden. Beginnend mit der Aufnahme soll der Sprachstand der Kinder regelmäßig beobachtet, durch geeignete standardisierte Testverfahren festgestellt und dokumentiert werden. Die Sprachentwicklung soll durch altersgemäße Sprachförderung und Schaffung von Sprechgelegenheiten im Alltag gezielt und systematisch gefördert werden.
Neben der frühkindlichen Sprachförderung hat die Berücksichtigung sozialer und kultureller Verschiedenheiten eine große Bedeutung. Durch eine interkulturelle Erziehung lernen einheimische Kinder und Migrantenkinder vorbehaltslos miteinander umzugehen. Sie ist somit ein wichtiger Beitrag zur Vermeidung von Parallelgesellschaften und eines sozialen Rückzugs.
Die frühkindliche Sprachförderung zur Beseitigung von Sprachdefiziten und die interkulturelle Erziehung sollte ein fester Bestandteil bei der Ausbildung der Erzieherinnen und Erziehern werden. Dem vorhandenen pädagogischen Personal sind entsprechende Kenntnisse und Methoden in Fort- und Weiterbildungsprogrammen anzubieten. Dafür sind die zusätzlich notwendigen Finanzmittel bereit zustellen.
Im Rahmen der Umsetzung des Bildungsprogramms für saarländische Kindergärten richtete das Ministerium für Bildung, Familie, Frauen und Kultur ab dem 1.9.2008 landesweit acht „Beratungskindergärten-Signal" in sozialen Brennpunkten mit hohem Förderbedarf zur Thematik „Sprachbildung und soziale Integration von Migrantenkindern und ihren Eltern im Kindergarten" ein.
Ziel ist es, möglichst viele saarländische Kindergärten auf die frühe Förderung von Migrantenkindern als Hilfe zur Selbsthilfe nachhaltig vorzubereiten.
Zentrale Aufgaben der „Beratungskindergärten-Signal" ist die Durchführung von Sprachförder- und Beratungsangeboten, Elternarbeit, Teamcoaching und Networking am Standort selbst, sowie an den Kindergärten mit hohem Förderbedarf in der Region im Sinne eines aufsuchenden Beratungs- und Förderangebotes vor Ort.
Diese Maßnahme ist ein erster Schritt und weist darauf hin, dass es einen besonderen Förderbedarf für Migrantenkinder und ihre Familien gibt. Hier sind weitere Anstrengungen des Landes dringend nötig.

Die Förderprogramme „Früh Deutsch lernen" und „HIPPY" erleichtern den Übergang von der Kindertagesstätte zur Schule

Das Förderprogramm „Früh Deutsch lernen", das noch nicht an allen Standorten saarländischer Grundschulen durchgeführt wird, soll verpflichtend gemacht und flächendeckend ausgeweitet werden. Es darf nicht dem Belieben oder dem privaten Interesse der Eltern überlassen werden, ob die im Saarland auf freiwilliger Basis durchgeführte Deutschförderung in Anspruch genommen wird. Das Ministerium sollte dafür Sorge tragen, dass ein gegebenenfalls erforderlicher Transport der Kinder zur Schule sichergestellt wird und die dafür erforderlichen Mittel bereitstellt. Alle Kinder sollten im letzten Kindergartenjahr eine Sprachstandfeststellung durchlaufen, um migrations- und entwicklungsbedingte Sprachdefizite zu erkennen und vor der Einschulung ausgleichen zu können.
Die Sprachförderung der Kindertagesstätten, das Förderprogramm „Früh Deutsch lernen" und die Bemühungen der Grundschulen, die bislang zum Teil noch voneinander isoliert erfolgen, sollten nach einem gemeinsamen Konzept durchgeführt werden und aufeinander aufbauen. Das Förderprogramm „Früh Deutsch lernen" sollte in enger Kooperation mit den Kindertagesstätten erfolgen und falls möglich, in diesen Einrichtungen stattfinden.
Zur Verbesserung des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule ist es förderlich, dass die Sprachförderkräfte des Programms „Früh Deutsch lernen" auch in den ersten Monaten in der Grundschule die Sprachförderung unterstützend begleiten.

Seit 2007 bietet das Diakonische Werk an der Saar in ausgewählten Sozialräumen modellhaft das Programm HIPPY an. HIPPY steht für Home Instruction for Parents of Preschool Youngsters und ist ein Familienbildungsprogramm für Eltern, die Ihre 3-6 jährigen Kinder zusätzlich in Ihrer Entwicklung fördern möchten. Gleichzeit werden Erziehungskompetenz und Eigenverantwortlichkeit der Eltern gestärkt. HIPPY dauert zwei Jahre. Teilnehmen können alle Familien mit Kindern im entsprechenden Alter. Bilderbücher kommen zum Einsatz. Arbeitshefte enthalten Übungen zur sozialen, kognitiven und kreativen Förderung sowie Spracherziehung; außerdem bietet HIPPY viele Spielanregungen. HIPPY zeichnet sich durch seine aufsuchende Struktur aus und ist daher ein besonders niederschwelliges Angebot. Die Familien werden zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung von geschulten Laien („Hausbesucherinnen"), alle selbst Mütter, besucht, die wenn möglich aus demselben Kultur- und Sprachkreis wie die zu betreuenden Familien stammen. Aktuell durchlaufen Familien mit und ohne Migrationshintergrund in Saarbrücken das HIPPY-Programm. Weitere Projekte wurden in Malstatt, Völklingen und Neunkirchen durchgeführt. HIPPY ist besonders gut geeignet für Familien mit Migrationshintergrund und ermöglicht den Zugang zu vielen Familien, die durch herkömmliche Angebotsnetze fallen.
Um die Förderung von Kindern innerhalb der Familie weiter zu stärken, sollte HIPPY im Saarland an weiteren Standorten etabliert werden.

An allen saarländischen Schulen ist eine intensive Sprachförderung dringend erforderlich!

Die saarländische Landesregierung hat sich durch das Landesintegrationskonzept und im Rahmen des nationalen Integrationsplanes verpflichtet, allen Kindern mit Defiziten in der deutschen Sprache die Förderung zukommen zu lassen, die Ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe am Unterricht und an der Bildung ermöglicht. Entsprechende Förderangebote sind aber erst an wenigen Schulen eingerichtet. Es handelt sich dabei häufig um Förderprojekte der freien Träger (z.B. SIGNAL, Mercator, BIMS etc.), die nur mit einer zeitlichen Befristung an wenigen Schulstandorten durchgeführt werden können.
Im Auftrag des Bildungsministeriums wird durch das Paritätische Bildungswerk zwar an 55 Standorten und damit an fast allen Schulen Sprachförderung im SEK1-Bereich für Kinder mit Migrationshintergrund umgesetzt. Dem Förderbedarf der Kinder und Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund werden sie jedoch nicht in ausreichendem Maße gerecht.
Angesichts einer großen Anzahl von Kindern und Jugendlichen mit unzureichenden Deutschkenntnissen, die im zunehmenden Maße auch unter den Einheimischen anzutreffen sind, besteht ein dringender Handlungsbedarf. Wir benötigen im Saarland ein aufeinander abgestimmtes Gesamtkonzept für eine durchgängige und flächendeckende Förderung, das in Federführung des Ministeriums für Bildung, Familie, Frauen und Kultur erstellt und durchgeführt werden müsste.
Je früher Förderung beginnt, umso grundlegender und nachhaltiger kann sie wirken. Eine langfristig angelegte systematische Förderung über alle Stufen, auch über die Grundschule hinaus, ist Grundbedingung für den Lernerfolg.

Der spezielle Förderbedarf von Seiteneinsteigern wird im Saarland nicht ausreichend berücksichtigt.

Die im Landesintegrationskonzept genannten Vor- und Sprachlernklassen für Seitenein-steiger mit einem hohen Sprachförderbedarf, in denen die Schülerinnen und Schüler mit Sprachdefiziten mindestens ein halbes Jahr mit wöchentlich 15 bis 20 Unterrichtsstunden intensiv gefördert werden sollen, sind noch nicht eingerichtet worden.
Zwar richten sich die Angebote des Paritätischen Bildungswerkes im SEK1-Bereich auch an Seiteneinsteiger, doch sollten diese ergänzenden Fördermaßnahmen umgehend für alle Schulen geschaffen werden, um so die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund zu erhöhen und eine schnellstmögliche Beschulung in Regelklassen zu ermöglichen. Darüber hinaus sollten an allen Bildungseinrichtungen (Horten, allgemein- und berufsbildenden Schulen) unterrichtsergänzende Förderkurse angeboten werden. Kinder und Jugendliche, mit denen man sich zwar verständigen kann, die aber die deutsche Sprache in Wort und Schrift noch nicht ausreichend beherrschen oder noch Wissenslücken aufholen müssen, können mit dieser Förderung dem Regelunterricht nach und nach besser folgen.
Projekte und Fördermaßnahmen der freien Träger, bei denen teilweise auch ehren-amtliche Paten zum Einsatz kommen, dürfen kein Ersatz für ein entsprechendes Förder-programm des Landes sein. Sie können ein durchgängiges, abgestimmtes und flächendeckendes Landesförderprogramm nicht ersetzen, da sie immer nur mit einer zeitlichen Befristung und an einzelnen Schulstandorten durchgeführt werden können.
Die Jugendmigrationsdienste der Wohlfahrtsverbände haben anlässlich der oben genannten Fachtagung der LIGA und der Arbeitskammer schon auf die unzureichende Förderung der Seiteneinsteiger hingewiesen . Zwar richtet sich die Sprachförderung im SEK 1-Bereich auch an Seiteneinsteiger, doch wird man dem tatsächlichen Förderbedarf nicht gerecht. Die Kinder kommen im fortgeschrittenen schulpflichtigen Alter, oder als Jugendliche, die nicht mehr der Schulpflicht unterliegen, aber dennoch eine Schul- oder Berufsausbildung absolvieren wollen. Als Schulpflichtige werden sie in der Regel dem Primar- oder Sekundarbereich zugeordnet, obwohl sie über keine oder bestenfalls rudimentäre Deutschkenntnisse verfügen. Sie werden häufig an etlichen Schulstandorten in nicht altersentsprechenden Klassen unterrichtet und können dem Unterricht wegen unzureichenden Deutschkenntnissen nicht folgen. In einzelnen Fächern ist deshalb eine Zeugnisbeurteilung nicht möglich. Dessen ungeachtet werden sie aber dennoch immer weiter versetzt. Da ist es nicht verwunderlich, dass es die¬sen Kindern und Jugendlichen je nach der noch verbleibenden Schulzeit meist nicht mehr gelingt, einen Schulabschluss zu erwerben.
Die Jugendmigrationsdienste stellen fest, dass die Kinder und Jugendlichen unter diesen Bedingungen keine Chance zur Integration haben und schlagen deshalb nachfolgende Maßnahmen vor:

Allgemeinbildende Schulen sollen Zentren der Integration werden

Die Autoren des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung schlagen zur besseren Förderung von Kindern und Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund in der gerade erschienenen Publikation „Ungenutzte Potentiale - Zur Lage der Integration in Deutschland" vor, an den Schulen ganztägig offene Integrationszentren zu schaffen.

„...in Wirklichkeit müsste das gesamte System Schule umgedacht werden - hin zu einem Zentrum, das sich zugleich um die Bildung, die soziale Kompetenz und die Integration verdient macht - bei allen Kindern. Denn auch bei einheimischen Kindern entscheidet in Deutschland das soziale und intellektuelle Niveau des Elternhauses so stark wie in keinem anderen OECD-Staat über den Lernerfolg.

Dafür ist es nötig, Schule nicht mehr als reine Bildungsanstalt für Kinder und Jugendliche zu betrachten, sondern als Knotenpunkt gesellschaftlichen und staatlichen Engagements. Schulen sollten zu Integrationszentren ausgebaut werden, denn sie sind die einzigen öffentlichen Einrichtungen, die diese Aufgabe übernehmen können. Schule ist für alle Kinder verpflichtend. Nur über sie lassen sich auch alle Eltern ansprechen.

Schule sollte daher mehr bieten als Unterricht: Projektarbeit, Weiterbildungs- und Freizeitangebote, Integrationsbeauftragte, Beratungsdienste für Schüler und Eltern; all das sollte unter dem Dach der Schule zur Verfügung stehen. Schule ist in jedem Fall als Ganztagseinrichtung zu sehen, die auch in den Ferien Dienste anbietet.

Darüber hinaus sollte das Fachpersonal möglichst genauso bunt gemischt sein wie die Schülerschaft. Also braucht es mehr Männer und mehr Personen mit Migrationshintergrund in den Lehrberufen"

Es handelt sich hier um einen bemerkenswerten Vorschlag, der in die richtige Richtung geht. Der Migrationsdienst der Caritas führt in der besonderen Situation der Landesaufnahmestelle zurzeit in Vernetzung mit den örtlichen Schulen ein Projekt durch, das dieser Idee schon ansatzweise entspricht. Die in der Landesaufnahmestelle lebenden Schülerinnen und Schüler werden durch Lerngruppen intensiv bei ihrem Schulbesuch begleitet. Sie treffen sich täglich in Hausaufgaben- und Lerngruppen und werden auf Klassen- und Abschlussarbeiten vorbereitet. Die Schulen haben in den Projektmitarbeitern ständige Ansprechpartner, die bei schulischen Problemen beratend und vermittelnd tätig werden. Die Eltern werden über die Möglichkeiten des deutschen Bildungs- und Ausbildungssystems und ihre Rechte und Pflichten sowie ihre Mitwirkungsmöglichkeiten informiert. Mit den unterstützenden Beratungsangeboten sind sie eher in der Lage, ihre Erziehungsaufgabe wahrzunehmen und selbst einen Beitrag zur Entwicklung ihrer Kinder zu leisten. Unter diesen Bedingungen kommen fast alle Kinder und Jugendliche der Landesaufnahmestelle ihrer Schulpflicht nach und haben dadurch eine echte Chance einen Schulabschluss zu erwerben. Es ist zu prüfen, wie diese Rahmenbedingungen auch im Blick auf die Situation in den Kommunen umzusetzen sind.
Grundsätzlich möchten wir darauf hinweisen, dass die längerfristige Unterbringung von Migrantenfamilien in der Landesaufnahmestelle eine Integration eher verhindert als fördert.
Im Vergleich zu deutschen Schulabgängern verfügen Jugendliche mit Migrations¬hintergrund seltener über den Mittleren Schulabschluss oder das Abitur. Schon jetzt ist in vielen Gymnasien deutlich zu sehen, dass der Migrantenanteil in den siebten Klassen wesentlich höher ist als in den oberen Klassen. Es bestehen offensichtlich Mängel in der differenzierten und komplexen Bildungssprache, die zur Erreichung eines höheren Bildungsabschlusses notwendig sind. Viele Gymnasien würden gern mehr Sprachtraining und auch Förderunterricht anbieten, allerdings werden die knappen Mittel für "Deutsch als Zweitsprache" in den Grund- und Hauptschulen gebraucht, sodass für die Gymnasien kaum etwas übrig bleibt. Im Rahmen des Förderprogramms „Lokales Kapital für soziale Zwecke", gefördert durch das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), unterstützte das DRK zwischen 2005 und 2008 Jugendliche mit Migrations¬hintergrund aus Saarbrücken-Burbach im schulischen Bereich beim Erreichen der Mittleren Reife und Abitur sowie bei der Berufsorientierung. Will man die Talente angemessen fördern, müssen Angebote zur Sprachförderung auch in den weiterführenden Schulen gemacht werden.
Im Schuljahr 2008/2009 wird diese Arbeit dank der Förderung durch das Zuwanderungs- und Integrationsbüro Saarbrücken fortgesetzt. Infolge einer regelmäßigen Haus-aufgabenbetreuung, intensiver Einbeziehung der Eltern, aktiver Zusammenarbeit mit Lehrern der Schulen wird das Erwerben des Realschulabschlusses und des Abiturs bei jugendlichen Migranten/innen ermöglicht, die als wichtige Voraussetzung für Ausbildung bzw. Studium und damit eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt zu verstehen sind.


Eine durchgängige nachunterrichtliche und ausbildungsbegleitende Förderung ist unerlässlich

Kinder und Jugendliche mit einem Migrationshintergrund sind auf eine regelmäßige und intensive nachunterrichtliche Begleitung angewiesen. Sie sind meist nicht in der Lage, mit den schulischen Anforderungen alleine zu recht zu kommen und können von ihren Eltern häufig keine Hilfe erwarten. Diese verfügen in der Regel selbst nicht über die erforderlichen Deutschkenntnisse. Mitunter konnten sie im Herkunftsland selbst keinen Schulabschluss erwerben und teilweise sind sie sogar Analphabeten. Das heißt aber nicht, dass sie an der Bildung und Ausbildung ihrer Kinder nicht interessiert wären. Sogar die in der Landesaufnahmestelle unter schwierigen Bedingungen lebenden Flüchtlinge sorgen dafür, dass ihre Kinder regelmäßig die Schule besuchen, obwohl ihr weiterer Aufenthalt noch ungewiss ist. Diese positive Einstellung wird durch die umfassende, aufeinander aufbauende Begleitung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen in den Kleingruppen der Kindertagesstätte, des Kinderhortes, den Lern- und Hausauf-gabengruppen und dem Projekt „BISS zum Schulabschluss" begünstigt. Alle Kinder und Jugendliche, die eine Unterstützung und Hilfe zur Bewältigung ihres Schulalltags benötigen, können diese in Anspruch nehmen.
In anderen saarländischen Kommunen sind diese Möglichkeiten zur außerschulischen Begleitung und Förderung von Kinder und Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund in dieser umfassenden Form nicht gegeben. Die freiwilligen Ganztagsschulen an den allgemeinbildenden Schulen sind wegen ihrer finanziellen und personellen Ausstattung noch nicht in der Lage auf besondere soziale Herausforderungen und Förderbedarfe zu reagieren. Davon sind in besonderem Maße Migrantenkinder betroffen. Praxisbeispiele belegen, dass sich nachhaltige Erfolge überall dort einstellen, wo es gelingt, außerschulische Sprachförderung (= Deutsch-als-Zweitsprache) in Kleingruppen zu etablieren und die teilnehmenden Kinder zudem in die Freiwillige Ganztagsschule einzubinden. Freiwillige Ganztagsschulen mit einem hohen Anteil von Migrantenkindern sollten daher eine höhere Landeszuwendung erhalten, um mit einem besseren Personalschlüssel dem erhöhten Betreuungsaufwand resp. spezifischen Förderbedarf dieser Kinder ge¬recht zu werden.
- Es reicht ferner nicht aus, den Kindern eine Nachmittagsbetreuung in der Schule anzubieten. Das Konzept "Freiwillige Ganztagsschule" muss gerade im Hinblick auf die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund über die aktuell durchgeführten Verbesserungen hinaus durchdacht und geplant sein. Ausreichende finanzielle Mittel müssen bereitgestellt werden:

Die Praxis zeigt, dass viele Kinder mit Migrationshintergrund nicht in der Freiwilligen Ganztagsschule angemeldet sind. Meist werden von den Eltern als Gründe die hohen Kosten für Betreuung und Essen angegeben, sowie dass viele der Kinder am Nachmittag von Familienmitgliedern bereits betreut werden.
Gerade jedoch für Kinder mit Migrationshintergrund ist die Teilnahme an der Freiwilligen Ganztagsschule wichtig, denn hier haben die Kinder die Möglichkeit, mit Gleichaltrigen Deutsch zu sprechen und können somit Gelerntes anwenden und einüben. Die qualifizierte Hausaufgabenbetreuung in der FGTS durch Lehrer/innen und pädagogisches Personal des Trägers ermöglicht den Kindern eine zusätzliche Chance zum Üben und Wiederholen und damit einen größeren Schulerfolg.
Ein wichtiger Punkt wäre auch, in diesem Bereich auf die Einstellung von pädagogisch geschultem Personal mit eigenem Migrationshintergrund zu achten. Dabei müssen junge Migrantinnen und Migranten, die erfolgreich unser Bildungssystem durchlaufen haben, ermutigt werden, um das Studium für ein Lehramt aufzunehmen. Es bedarf auch einer Einstellungspolitik, die den Zugang für qualifizierte Migrantinnen und Migranten auf den Arbeitsmarkt Bildung /Schule erleichtert, sodass sie an der Entwicklung und Umsetzung von Konzepten interkultureller Bildung und Erziehung beteiligt sind.

 

Die Einbeziehung der Eltern fördert die Integration

Eltern müssen als Partner gewonnen werden, wenn Fördermaßnahmen bei den Kindern erfolgreich sein sollen. Die Eltern fühlen sich mitverantwortlich für den Bildungsfortschritt ihrer Kinder.
Aber auch die Eltern haben ihrerseits zum Teil selbst Sprachdefizite in der deutschen Sprache und können in spezielle Sprachfördermaßnahmen aufgenommen werden. Dadurch wird dazu beigetragen, dass neu erworbene Sprachkenntnisse in die Familien hineingetragen werden.
Zu beachten ist dabei, dass die Muttersprache nicht zurückgedrängt wird, sondern als Basis gewürdigt und die Förderung des Deutschen als Fortsetzung der vorhandenen Kompetenz der Verständigung in der Muttersprache angesehen wird.
Von entscheidender Bedeutung ist die Schaffung eines Vertrauensverhältnisses auf der Grundlage des wechselseitigen Respekts. z.B. durch das Hinzuziehen eines Dolmet¬schers bei Schulgesprächen mit Eltern.
Die Bereitstellung von Ressourcen (auch finanzieller Natur) für Kinderbetreuung und Frühförderung ist darüber hinaus wichtig, damit Eltern die Möglichkeit haben, gleichzeitig Kinder zu versorgen und berufstätig zu sein. Dabei sollte besonderer Wert auf die gute Qualität der Angebote, Erreichbarkeit und Flexibilität der Angebote sowie Bezahlbarkeit der Angebote für Eltern gelegt werden.
Das Bundesmodellprojekt „Schul- und ausbildungsorientierte Elternarbeit" des Diakonischen Werkes an der Saar, seit 2007 an ausgewählten Schulen der Sekundarstufe II, konnte nachweisen, dass die Einbeziehung und Kompetenzentwicklung der Eltern mit Migrationshintergrund die schulische und berufliche Integration der nachwachsenden Generation nachhaltig positiv beeinflussen kann. Die Elternarbeit reagiert auf die sich in den letzten 50 Jahren deutlich veränderten Kompetenzen, Erziehungsmuster und -stile. Anstelle von Konformität ist in modernen Erziehungskonzepten Selbstentfaltung als Wert und anzustrebendes Ziel getreten. Erziehungspartnerschaft ist angezeigt, also die Partnerschaft zwischen Eltern, Schule, Lehrerinnen und Lehrern, Ausbildern, der Jugendhilfe, den Wohlfahrtsverbänden, der Justiz und Polizei. Eltern und Pädagogen begegnen sich auf Augenhöhe und dem Verständnis, dass sie aufeinander angewiesen sind. Erziehungspartnerschaft ist dabei die Abkehr von der „klassischen Elternarbeit", die mitunter als „Bearbeitung der Eltern" verstanden wurde. Wenn Eltern, so die Projekterfahrungen, die Gewissheit haben, dass sie nicht verändert werden sollen, dass sie in ihren Bemühungen für ihr Kind wahrgenommen und akzeptiert werden und die „Partnerschaft" der Förderung des eigenen Kindes dient, dann öffnen sich Türen, gerade auch zu den sonst „unerreichbaren/schwierigen" Eltern, so auch die Einschätzung der wissenschaftlichen Projektbegleitung. Das Modell zielt auf die Förderung der innerfamiliären Kommunikation, Wissenstransfer gerade zu Schul- und Ausbildungs-fragen, auf Vermittlung zwischen Eltern und Schule, auf Bewältigung von Generations-konflikten in Ausbildungsfragen, sowie auf die geschlechtsspezifische Berufsorientierung, aber auch auf notwendige Ermöglichungsbedingungen, die das Umfeld zulässt. Insgesamt wurden 130 Eltern, meist kinderreicher Familien, überwiegend Frauen aus den Ländern Türkei, Irak, Syrien, Pakistan, Marokko und Thailand erreicht.
Der Ansatz der „Schul- und ausbildungsorientierten Elternarbeit" wirkt positiv auf die Erziehungsleistung von Familie und Schule. Auch die Schulleitungen der Projektschulen setzen sich daher nachdrücklich für eine Fortsetzung und Verstetigung der „Schul- und ausbildungsorientierten Elternarbeit" ein. Partnerschaftliche Elternarbeit benötigt Kontinuität. Gerade Schulen mit hohem Ausländeranteil in der Schülerschaft sind offen für Elternarbeit und arbeiten aktiv mit.

Auf regionaler und auf Landesebene sollten verlässliche Strukturen für eine Netzwerkarbeit geschaffen werden:

Zur optimalen Umsetzung von schulischer und außerschulischer Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist es unerlässlich, operative und strategische Partner im Umfeld der Schulen zu gewinnen und zu bündeln.
Auf Landkreisebene haben sich schon solche Netzwerke gebildet, die von den Wohlfahrtsverbänden moderiert werden. Als Netzwerkpartner kommen alle interessierten und sachkompetenten Organisationen, Vereine, Verbände und Personen im Umfeld der jeweiligen Schule in Frage. Die Migrantenselbstorganisationen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie sind einzubeziehen, weil sie den Kontakt zu den Eltern herstellen können.

 

 

Saarbrücken, im Januar 2010

 


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