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Positionierung der LIGA Saar zur familien- und gesellschaftspolitischen Bedeutung der Kindertageseinrichtungen
Qualitätssicherung der Erziehung, Bildung und Betreuung der Kinder in den saarländischen Kindertageseinrichtungen

 

Kindertageseinrichtungen sind mehr denn je gefordert, einen familienergänzenden und gleichzeitig gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen

 

1. Familien- und gesellschaftspolitische Bedeutung der Kindertageseinrichtungen - heute und zukünftig

• Familie und Kindheit im Wandel
Kindheit hat sich verbunden mit den Veränderungen des familiären Systems in den letzten 20 Jahren sehr verändert. Steigende Scheidungsrate, viele alleinerziehende Eltern, Zunahme der Berufstätigkeit beider Elternteile, vermehrtes Aufwachsen ohne Geschwisterkinder, steigendes Armutsrisiko und eingeschränkte Erfahrungsräume sind nur einige Faktoren, denen Kinder zunehmend ausgesetzt sind.

Das Verständnis und das Leben von Familien hat sich einerseits durch eine individualisierte Form des Lebens (Emanzipation der Frauen, Wohlstand, längere Lebenserwartung), andererseits durch die wirtschaftlichen Zwänge und Erfordernisse verändert. Die Wirtschaft fordert den mobilen, flexiblen, effizienten Menschen, ohne große Bindungen und Abhängigkeiten.
Die moderne Lebensführung verlangt von der/dem Einzelnen die aktive eigenständige Gestaltung des Lebens. Es eröffnen sich dabei große Selbstbestimmungs- und Gestaltungsspielräume in historisch nie gekanntem Ausmaß. Alles scheint jederzeit immer und sofort möglich zu sein. Daraus folgt, dass Entscheidungen auch in der Erziehung der Kinder immer häufiger ohne Einbettung in verlässliche kulturelle Traditionen getroffen werden.
Heute stehen Eltern unter dem besonderen Druck, dass die Erziehung und Bildung ihrer Kinder einerseits einen wirtschaftlich produktiven und wettbewerbsfähigen und andererseits einen selbstbestimmten individuellen Menschen hervorbringen soll.

• Kindertageseinrichtungen im Kontext des demographischen Wandels
Angesichts dieser Entwicklungsdynamik benötigen Kinder und Familien mehr denn je Unterstützung und Förderung.

Die frühzeitige und umfassende Förderung und Bildung aller jungen Menschen muss dringend intensiviert werden, um ausreichend gebildete und integrierte junge Menschen in der Mitte unserer Gesellschaft zu haben. Der demografische Wandel und der damit verbundene Rückgang von jungen Menschen in Deutschland erfordert nicht weniger, sondern mehr Engagement und mehr Investitionen in Kinder und deren Familien.
Kindertageseinrichtungen stehen an herausragender Position, um einen Teil des gesellschaftspolitischen Auftrags einzulösen und den Kindern und ihren Familien Unterstützung zukommen zu lassen. Um diese Aufgabe im Sinne des Gemeinwohles zu erfüllen, müssen die Kindertageseinrichtungen personell, fachlich und strukturell der Aufgabe entsprechend ausgestattet werden. Der quantitative Ausbau hat stattgefunden, z.T. zu Lasten der Qualität. Jüngstes Beispiel ist die neu verabschiedete Krippenkinder-Erzieherin-Zahlenrelation, die neuerdings sechs Krippenkinder einer Beziehungsperson zuordnet. Der Betreuungsauftrag mag dadurch gewährleistet sein, der Bildungs- und Erziehungsauftrag ist es nicht mehr.
Kindertageseinrichtungen haben in diesem Kontext den Auftrag, in der Betreuung, Erziehung und Bildung der Kinder familienergänzend zu wirken, um die Aufgaben, die die Familien heute nicht mehr alleine leisten können, zu übernehmen. In diesem Zusammenhang erhält auch die sozialräumliche Vernetzung der Kindertagesstätte - zur Erweiterung der Lebens- und Lernorte neben der Familie - eine wichtige Bedeutung.

• Kindertageseinrichtungen sind Orte der Begegnung und Kommunikation
Nahezu alle Familien mit Kindern in Deutschland (95%) nehmen die Dienstleistungen einer Kindertagesstätte in Anspruch. Damit haben Familien die Möglichkeit aus Formen der Isolation herauszukommen, indem sie andere Eltern ("Gleichgesinnte") treffen und kennen lernen. Gemeinsam verbinden sie die gleichen Ziele und Themen über ihre Herkunft hinaus. In Kindertageseinrichtungen werden Kinder und ihre Eltern/Familien mit ihren Anliegen, Bedürfnissen, Freuden, Sorgen und Nöten wahrgenommen und bei Bedarf begleitet. Im Austausch mit den pädagogischen Fachkräften erleben die Eltern Unterstützung in erzieherischen Fragen und Anerkennung ihrer erzieherischen und persönlichen Kompetenzen. Sie erfahren Aufmerksamkeit und Wertschätzung, können sich einbringen und sich somit als aktiver Teil der Kindertageseinrichtungen-Gemeinschaft erleben.

• Kindertageseinrichtungen vermitteln Kontinuität und Stabilität
Schon Kinder werden in unserer Gesellschaft tendenziell als potentielle zukünftige Leistungsträger gesehen und auf ihr Leistungspotential hin beurteilt. Immer mehr sind Eltern, die für ihre Kinder das Beste wollen, verunsichert und geben den Leistungsdruck bewusst oder latent an ihre Kinder weiter. Dabei laufen sie Gefahr, ihre Kinder zu überlasten und zu überfordern.
Der ressourcen- und stärkenorientierte Blick der pädagogischen Fachkräfte in der Kindertagesstätte auf die Kinder, verbunden mit der Gewissheit, dass sie sich angenommen fühlen und wertgeschätzt werden, sind Garanten für den Aufbau einer verlässlichen Bindung und Beziehung. Mit dieser professionellen Haltung gegenüber den Kindern werden die wichtigen Voraussetzungen für eine gelingende Entwicklung und Bildung geschaffen und Kindheit in einem geschützten Rahmen ermöglicht.

• Kindertageseinrichtungen vermitteln Kultur und Religion
Das Miteinander im Alltagsleben der Kindertagesstätte beim Arbeiten, Spielen, Essen, Toben, Entspannen usw., berücksichtigt die kindlichen Grundbedürfnisse.
Dabei werden in einer kultur- und religionssensiblen Pädagogik Grundwerte in Verbindung mit vertrauten Traditionen vermittelt und gleichzeitig (erste) bereichernde Begegnungen mit anderen Kulturen/Religionen und Lebensformen ermöglicht. Damit leisten Kindertageseinrichtungen einen wichtigen Beitrag für das interkulturelle und interreligiöse Zusammenleben in einer inklusiven Gesellschaft.

• Kindertageseinrichtungen sehen das einzelne Kind und stiften Gemeinschaft
Kindertageseinrichtungen sind in erster Linie ein Angebot für die Kinder. Sie leisten einen großen Beitrag bei der Begleitung der Kinder zu eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten. Das Leben in der Gemeinschaft von Gleichaltrigen und mit jüngeren und älteren Kindern sowie Erwachsenen wird erfahrbar und eingeübt. Kinder erleben, dass sie nicht alleine mit ihren Bedürfnissen und Anliegen sind und diese manchmal auch zurückstellen müssen. Sie werden dabei liebevoll und professionell begleitet. Die pädagogischen Fachkräfte haben das einzelne Kind und die Gruppendynamik im Blick.

• Kindertageseinrichtungen ermöglichen Freiräume und Teilhabe
Das Management eines immer komplexer werdenden Familienalltags, durch die Eltern, führt vielfach ungewollt dazu, dass Kinder mit ihren Bedürfnissen nach Zuwendung, Ansprache, Muße usw. zu kurz kommen und im schlimmsten Fall dabei auf der Strecke bleiben.
Kindertageseinrichtungen ermöglichen durch eine Kind-orientierte Pädagogik Freiräume im spielerischen Tun und in der Beteiligung der Kinder an der konkreten Gestaltung des Alltagslebens in der Kindertageseinrichtung. Durch die aktive Beteiligung der Kinder an den Alltagsabläufen erfahren sie Teilhabe durch Selbstwirksamkeit und die Übernahme von Verantwortung für sich und andere.

• Kindertageseinrichtungen sind die Primärinstanz eines inklusiven Bildungssystems
Alle Kinder, mit und ohne besonderen Förderbedarf, haben das existentielle Menschenrecht auf inklusive Bildung, verstanden als gleichberechtigte Teilhabe an einem Spiel- und Lernort. An vielen Stellen ist unser Bildungssystem auf selektive Strukturen und homogene Lerngruppen angelegt, dies betrifft auch den Bereich der Elementarpädagogik.
Die gelingende Implementierung von Inklusion in Kindertageseinrichtungen wird sich daran messen lassen, inwiefern es gelingt einen Bildungsort für alle Kinder zu bilden, um somit Teilhabe zu ermöglichen.

• Kindertageseinrichtungen entlasten Eltern und wirken ausgleichend auf Kinder
Familien leben heute viel anonymer und isolierter als in den letzten Jahrzehnten. Durch Mobilität und durch das Leben in kleineren Familienverbänden fühlen sich Eltern mit ihren Kindern oft allein gelassen.

Die Vielfalt an Anforderungen, lässt die Eltern schnell an ihre Grenzen kommen und nicht selten über ihre Leistungsgrenzen hinausgehen. Dabei sind die Kinder diejenigen, die sowohl in ihrer psychischen, wie auch in ihrer physischen Entwicklung am meisten belastet und gefährdet werden können.
Kindertageseinrichtungen entlasten mit ihren Angeboten Kinder und deren Eltern. Diese können sich mit ihren Sorgen und ihrem Kummer vertrauensvoll an die Mitarbeitenden der Kindertageseinrichtung wenden, als eine Möglichkeit der Bearbeitung ihres Problems.

• Kindertageseinrichtungen leisten Kinderschutz nach § 8a SGB VIII
Der liebevolle, aufmerksame und professionelle Blick der Erzieherinnen und Erzieher auf die Kinder, ermöglicht die frühe Erkennung von Kindeswohlgefährdungen. Kindertageseinrichtungen sind in der Pflicht, im Verdachtsfall, den Kontakt zu Eltern zu suchen und die mögliche Kindeswohlgefährdung zu thematisieren. Die Erzieherinnen und Erzieher haben die Aufgabe auf Hilfe hinzuwirken und Eltern dabei zu begleiten und zu ermutigen diese anzunehmen.

• Kindertageseinrichtungen als stabilisierende Faktoren ersparen der Jugendhilfe hohe Kosten
Sind Eltern überfordert und nicht in der Lage ihre Kinder adäquat zu betreuen und zu erziehen, greifen Jugendämter gerne auf die Kindertageseinrichtungen zurück. Diese haben durch ihre „Alltäglichkeit" und ihre niedrigschwelligen Zugänge zu Eltern gute Möglichkeiten, die Kinder Tag für Tag zu sehen, zu schützen und die Eltern zu begleiten.

 

2. Absicherung der Qualität der Erziehung, Bildung und Betreuung durch angemessene Rahmenbedingungen

• Der Wandel vom Kindergarten der 3- bis 6-jährigen zu einer Kindertageseinrichtung der 0- bis 6-jährigen Kinder ist ein Paradigmenwechsel
Der Wandel vom Kindergarten in eine Ganztagesstätte - von einer Betreuungs-einrichtung in eine Einrichtung, in der Betreuung, Erziehung und Bildung gleichberechtigt nebeneinander stehen, ist ein Paradigmenwechsel, der mit großen quantitativen und qualitativen Herausforderungen verbunden ist.
Die Frage, was Kinder brauchen, die bereits im ersten Lebensjahr den ganzen Tag in einer Kindertageseinrichtung verbringen, wurde bisher besonders unter qualitativen Aspekten nicht ausreichend diskutiert und geklärt. Zurzeit findet lediglich ein Transfer der Rahmenbedingungen des klassischen Kindergartenangebots in die quantitativ und qualitativ komplexer gewordenen Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungs-angebote statt.
Um die Kindertageseinrichtung für Kinder von einem Jahr bis zum Schuleintritt zu einem adäquaten Lebens-, Lern- und Bildungsort, der sich an Lebenswirklichkeiten der Kinder orientiert, werden zu lassen, müssen die aktuellen Rahmenbedingungen überprüft und dringend angepasst werden.

• Die personelle Ausstattung wird den neuen Herausforderungen nicht gerecht.
Viele unterschiedliche Studien belegen, dass insbesondere im Bereich der personellen Ausstattung ein veränderter Fachkraft- Kind- Schlüssel zugrunde gelegt werden müsste.
Die aktuelle Situation in der Praxis zeigt: Je mehr das Ganztagesangebot ausgeweitet wird, umso mehr nähert sich der minimale Personalschlüssel dem maximalen, während die pädagogischen Herausforderungen steigen. Kinder, die den ganzen Tag in der Einrichtung verbringen, brauchen eine intensive emotionale Bindung zu den pädagogischen Fachkräften. Eltern möchten über die Entwicklung ihres Kindes informiert sein und wünschen sich einen regelmäßigen Austausch. Mit dem vorgehaltenen Personal kann die Kindertageseinrichtung ihren Auftrag eine Erziehungspartnerschaft mit Eltern einzugehen - Eltern wertschätzend zu begegnen und zu begleiten - nicht gerecht werden.
In der Praxis zeigt sich immer wieder, wie schnell der minimale Personalschlüssel erschöpft ist, insbesondere dann, wenn Fehlzeiten von Mitarbeitenden überbrückt werden müssen, wie Erkrankungen, unbesetzte Stellen, Fortbildungen, Urlaube oder Beschäftigungsverbote. Die Konsequenz daraus ist, dass die Kinder nur noch betreut werden können. Bildungsangebote und eine Bildungsbegleitung sind dann nicht mehr möglich.
Mit der Ausweitung der Tagesplätze nähert sich der minimale an den maximalen Personalschlüssel an, dadurch schmälert sich der Finanzierungskorridor für die dringend benötigte Hauswirtschaftskraft, die durch ihre Tätigkeit das pädagogische Personal von den anfallenden hauswirtschaftlichen Tätigkeiten entlastet. Kindertageseinrichtungen können der Aufgabe einer Ganztagsbetreuung nicht gerecht werden, wenn nicht ausreichend hauswirtschaftliches Personal außerhalb des Personalschlüssels zur Verfügung steht. Es braucht separate pädagogische, Personalschlüssel und eine eigene Berechnung der Hauswirtschaftskräfte, sowie eine jeweils angemessene Bezuschussung durch die öffentliche Hand.

• Inklusion in Kindertageseinrichtungen gibt es nicht zum Nulltarif
Grundsätzlich setzt die Umsetzung von Inklusion eine behutsame Durchführung und Planung aller verantwortlichen Akteure voraus. Inklusion kann sich nur dann erfolgreich entwickeln, wenn Ressourcen(strukturell-baulich-personell) bedarfsgerecht und zielorientiert erweitert werden. Inklusive Aspekte im U3-Ausbau haben bundes-, landes- und kommunalpolitisch keinen Platz. Das Kooperationsjahr als übergangsgestaltendes Element von der Kindertageseinrichtungen zur Grundschule beinhaltet in seinen konzeptionellen Gedanken und auch der Umsetzung in keinster Weise den Gedanken der Teilhabe von Kindern mit besonderem Förderbedarf.
In Anbetracht der finanz- und sozialpolitischen Situation bezüglich der rechtsanspruchsbedingten enorm erweiterten Zielgruppe U3, dem Fachkräftemangel und Spardiktate Bund-Land-Kommunen, scheint dies eine unauflösbare Aufgabe zu sein. Hier sind zunächst die politisch Verantwortlichen in der Pflicht, die bedarfsgerechte finanzielle Ausstattung und die Investitionen in Kindertageseinrichtungen sicher zu stellen, damit Inklusion prozessual umgesetzt wird.

Ohne dieses politische Signal kann dieser Paradigmenwechsel in Erziehung und Bildung nicht stattfinden. Die Grundlage dieser Entwicklung fordert inklusive Konzepte in den Einrichtungen und auch deren professionelle Haltung in pädagogischen Prozessen. Zielführend wird es sein, das pädagogische Fachpersonal dahingehend auszurichten und auch in die prozessuale Entwicklung der inklusiven Bildung zu implementieren.

• Pädagogische Fachkräfte erleben ein Umsetzungsdilemma
Die pädagogischen Fachkräfte, die den Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsauftrag ernst nehmen, erleben ein Umsetzungsdilemma (vgl. Susanne Viernickel et al.). Sie möchten den Anforderungen ihrer Arbeitsaufgaben gerecht werden, wie beispielsweise Beobachtungen und Dokumentationen, Umsetzung des Bildungsprogramms, Konzeptentwicklung, Qualitätsentwicklung, Sprachförderung, Inklusion, Beschwerdemanagement sowie die Zusammenarbeit mit Familien und Grundschule. Andererseits erleben sie, dass die Umsetzungsmöglichkeiten sehr begrenzt sind und sie nicht dem eigenen Selbstanspruch entsprechend arbeiten können.

• Kindertageseinrichtungenleitungen steuern die Einrichtungen im Spannungsfeld von Erwartungen und Wirklichkeit
Bei der Bewältigung des komplexen Aufgabenspektrums und der gestiegenen Qualitätsansprüche übernehmen die Leitungen eine zentrale Rolle: sie managen die Einrichtungen unter den beschriebenen Bedingungen.
Die Leitungen benötigen dazu ein fundiertes und aktuelles Fachwissen, müssen Konzeptionen entwickeln und an veränderte Bedingungen anpassen, sowie Qualitätsentwicklungsprozesse initiieren und steuern können. In Anbetracht der Entwicklungsgeschwindigkeit in Theorie und Praxis der Elementarpädagogik und der Flut von Modellprojekten, Sonderprogrammen, etc. ist dies unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen - selbst bei voller Freistellung häufig Mitarbeit in den Gruppen wegen Mitarbeiter-Ausfall, Vielfalt an anderen Aufgaben, z.B. Netzwerkarbeit, administrative Tätigkeiten, u.a. - eine sehr ambitionierte Aufgabenstellung.
Im Zuge des Ausbaus der Krippen- und Ganztagsplätze steigt auch die Zahl der Mitarbeiterinnen in den Einrichtungen. Teams mit 12 bis 20 Personen sind heute keine Seltenheit mehr. Diese Leitungsspannen erfordern eine hohe Leitungskompetenz mit der Fähigkeit, alle im Blick zu behalten und die gruppen-/abteilungsübergreifende Kommunikation zu sichern. Zusätzlich sind die Leitungskräfte bei der Bewältigung des „Umsetzungsdilemmas" gefragt. Insbesondere die hohe Zahl der engagierten und verantwortungsbewussten Erzieherinnen und Erzieher leidet darunter, dass sie den pädagogischen Ansprüchen nicht gerecht werden. Hier müssen Leitungen in aussichtlos erscheinenden Situationen lösungsorientiert bleiben und die Mitarbeitenden konstruktiv begleiten.
Konfliktmanagement im Team, mit Eltern oder anderen Protagonisten im Gemeinwesen, ist ein integraler und häufig auch ein sehr belastender Teil der Leitungstätigkeit. Die Fähigkeit zur professionellen Distanz ist deshalb eine bedeutsame Leitungskompetenz, die immer wieder neu hergestellt werden muss.

• Das System Kindertageseinrichtungen hat seine Belastungsgrenze überschritten
Die Einrichtungsträger versuchen bei Personalengpässen notwendige Gruppenschließungen möglichst zu vermeiden, damit Eltern ihre Berufstätigkeit ausüben können. Häufig ist dies nur durch Überstunden der pädagogischen Fachkräfte möglich. Dabei wird auf notwendige Vor- und Nachbereitungszeiten und Pausen verzichtet. Bisher hat das System Kindertageseinrichtungen die Auswirkungen des Krippen- und Tagesstätten-Ausbaus kompensieren können.
Doch zunehmend zeigen sich Erschöpfungserscheinungen. Das System kann nicht weiter ausgedehnt werden, ohne dass alle, die darin beteiligt sind, Schaden nehmen:

a. allen voran die Kinder, die sich nicht gegen die schlechten Rahmenbe-dingungen wehren können und deren Entwicklung ganz besonders von guten Rahmenbedingungen profitieren würden.
b. die Eltern, die verunsichert sind, wenn ihre Ansprechpartner fehlen, aber auf eine verlässliche Bildung, Betreuung und Erziehung vertrauen möchten.
c. die Erzieherinnen, die vom Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit überfordert sind und mit Überlastung und Krankheit reagieren.

• Die Gesellschaft profitiert von einem gut ausgebauten Bildungssystem der frühen Kindheit
Volkswirtschaftlich zahlt sich jeder Kindertageseinrichtungsplatz doppelt und dreifach aus, wie eine OECD-Studie 2012 festgestellt hat.
Das familienfreundliche Angebot der Kindertageseinrichtungen ermöglicht den Eltern die Berufstätigkeit. Insbesondere Frauen kehren dadurch früher in die Arbeitswelt zurück. Dadurch stehen der Wirtschaft dringend gebrauchte Fachkräfte zur Verfügung.
Besonders die öffentliche Hand profitiert von dieser Berufstätigkeit durch die zusätzlichen Einnahmen von Steuern und Abgaben zur Sozialversicherung (vgl. Prof. Dr. Stefan Sell). Dabei sind die positiven Wachstumseffekte in der Gesamtwirtschaft noch nicht berücksichtigt, ebenso wenig wie der Effekt einer chancengerechten Erziehung und Bildung von Anfang an.

Die aufgeführten Thesen beziehen sich nur auf einen Teil der notwendigen Veränderungen von Rahmenbedingungen, die der Paradigmenwechsel mit sich bringt. Die damit verbundenen notwendigen räumlichen Veränderungen einer Tageseinrichtung für Kinder ab dem ersten Lebensjahr sind ebenfalls von großer Bedeutung, werden aber an dieser Stelle nicht weiter erläutert.

Jedes Kind hat ein Recht auf Erziehung, Bildung und Betreuung. Daraus ergibt sich eine gesellschaftliche Aufgabe, bei der die Liga Saar folgende Weiterent-wicklungsbedarfe feststellt:

Personell:
• separate Berechnung der Hauswirtschaftskräfte, außerhalb der Berechnung des pädagogischen Personals
• Freistellungskontingent für die stellvertretende Leitung
• Freistellungskontingent für die Qualitätsbeauftragte und die Qualitätsmanagementaufgaben
• Freistellungskontingent für die Praxisanleitung
• Anhebung des Regelpersonalschlüssels insbesondere bei Einrichtungen, die sich in besonderen Quartieren befinden, statt Sonderprogramme und -projekte
• Anhebung des Regelpersonalschlüssels, um die Arbeit mit Kindern mit Behinderungen in Gruppen und Einzelintegrationen im Sinne des inklusiven Gedankens zu gewährleisten
• Kind-pädagogische Fachkraft-Relationen, die wissenschaftlichen Erkenntnissen folgen:
- für Kinder bis zu 1 Jahr: 2 Kinder pro 1 Erzieherin
- von 1 Jahr bis 3 Jahre: 3 Kinder pro 1 Erzieherin
- ab dem 3. Jahr: 7,5 Kinder pro 1 Erzieherin
Fachlich:
• Vorbereitungszeiten für die pädagogische Arbeit müssen gesetzlich auf mindestens 25 % der Arbeitszeit festgeschrieben werden.
• der Fort- und Weiterbildungsetat von derzeit 80 € pro Beschäftigte/Jahr muss deutlich erhöht werden, damit die kontinuierliche und unablässige Qualität der Arbeit erhalten beziehungsweise weiterentwickelt wird. Eine kontinuierliche Supervision als Standardmethode der fachlichen Reflexion für das ganze Team und bei Bedarf Leitungscoaching ist zu gewährleisten.
• Förderung der Qualifizierung von Fachkräften bezüglich der inklusiven Kernkompetenzen und Qualifikationen. Außerdem soll die Installierung multiprofessioneller Teams als Basisausstattung in inklusiven Prozessen sichergestellt werden.
Strukturell:
• Anpassen der Räumlichkeiten an die vielfältigen pädagogischen Anforderungen (Elternberatungsraum, Personalräume, Ausweichzonen für Kinder....)
• Förderung der Entwicklung von Kindertageseinrichtungen zu Häusern für Kinder und Familien/Familienzentren
• Förderung und Anerkennung der Qualitätsentwicklung durch finanzielle Unterstützungen
• Enge Kooperation und Abstimmung in der Umsetzung der Inklusion zwischen Bildungs- und Sozialministerium

 

Saarbrücken, Januar 2015


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